Deutschland gegen Griechenland
Die sind doch gekauft!
Am Freitag Abend spielte Deutschland gegen Griechenland. Der eigentliche Kampf gegen die Griechen findet aber nicht auf dem Rasen, sondern in unseren Köpfen statt. Solidarität ist zum Fremdwort geworden.
von Lars Reusch
Das Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft ist gekauft. Zig Milliarden gingen schon nach Griechenland. Und das viele Geld, das „wir“ an „die“ überweisen, muss Deutschland ja schließlich irgendwie zunutze sein. Höchste Zeit, dass „wir“ auch sportlich die Königsrolle in Europa einnehmen, die „wir“ politisch und ökonomisch ja längst innehaben. Es sieht gut aus: Nicht mehr lange und Spanien muss auch aufgekauft werden. Und wer soll „uns“ dann noch aufhalten? Italien? Ha!
Zur Klarstellung: Niemand kauft irgendwen. Der Euro-Rettungsschirm vergibt Kredite und Bürgschaften für weitere Kredite, das Geld soll also zurückgezahlt werden. Außerdem besteht der Schirm nicht allein aus „uns“. Da machen noch ein paar weitere Europäer mit. Und wenn wir gerade dabei sind, stellen wir doch gleich noch weitere Vorurteile klar: Nein, die Griechen haben nicht mehr Urlaub als die Deutschen und nein, sie gehen auch nicht viel früher in Rente. Kein Vorurteil: Die Selbstmordrate in Griechenland ist in den vergangenen drei Jahren um schätzungsweise 20, laut dem ehemaligen griechischen Gesundheitsminister sogar um 40 Prozent gestiegen. Griechenland hat ein Sparprogramm aufgezwungen bekommen, deren Auswirkungen wir uns hierzulande nicht einmal vorstellen können.
Aber wie reagieren wir Deutsche darauf, deren Wirtschaft es blendend geht, deren Arbeitslosenzahlen immer weiter sinken? Nicht viel anders als auf die Schicksale etlicher Hartz-4-Empfänger in unserem eigenen Land: Wir missgönnen ihnen „unser“ Geld. Schlimmer noch, wir geben ihnen die Schuld daran, ganz Europa in einen gefährlichen Schuldenstrudel zu reißen. Nicht den Politikern geben wir die Schuld, auch nicht den Millionären, die ihr Geld am Fiskus vorbei in die Schweiz schleusen. Nein, wir kennen nur einen Griechen, dem wir die Schuld geben: den Griechen eben. Oder anders: den Pleite-Griechen.
Jubeln ist heute Abend erlaubt
Und jammern gleichzeitig herum, wenn wir im Ausland pauschal als „die Deutschen“ behandelt werden, die ja nicht viel anderes im Sinn haben als vor 70 Jahren. Es ist dies das unsäglich nationalistische „Die sind die Bösen, wir sind die Guten“, das die „Bild“ vorbetet und wir nur zu gerne schlucken. Nein, wir sind nicht die Guten, nicht solange wir unseren Nachbarn nicht das entgegenbringen, was man uns nach dem Zweiten Weltkrieg entgegengebracht hat: Solidarität. Ohne Solidarität gibt es kein Miteinander, nur ein Nebeneinander, von dem wir dachten, dass wir es längst hinter uns gelassen hätten.
Die Kanzlerin wird wohl im Stadion sein heute Abend, schließlich spielt man nicht in der bösen, zu boykottierenden Ukraine. Zum Politikum aufwerten sollte das Spiel trotzdem niemand, der Kanzlerin geht es nur um Siegerbilder, egal, gegen wen die entstehen. Jubeln ist heute Abend selbstverständlich erlaubt, vor den „Die müssen uns aber gewinnen lassen, so viel Geld wie wir denen geben“-Witzen sollte die eigene Intelligenz aber zumindest ein kurzes Innehalten gebieten, über wen man sich gerade eigentlich weswegen lustig macht. Ein kurzes Innehalten nur.
Bild: Dominik Meissner, CC BY-NC-ND 2.0, via flickr.






