Polit-Talkshows
Eine kleine Fernsehkritik-Kritik
Überall ist zu lesen, wie unsinnig Polit-Talkshows eigentlich sind. Trotzdem werden sie an gleicher Stelle ausgiebig besprochen. Warum die Talkshow-Kritiken nicht weniger scheinheilig sind als die Talkshows selbst.
von Lars Reusch
Seit Jahren regen sich Online-Medien über die Sinnlosigkeit von Polit-Talkshows auf, Woche für Woche, Sendung für Sendung. Und was macht die ARD? Einfach noch mehr Talkshows! Eine Unverschämtheit. Wie soll man darauf reagieren? Ganz klar: Man beklagt sich noch ein bisschen penetranter in einer kleinen Fernseh-, TV-, Nacht- oder Frühkritik über die Redundanz der sich ewig wiederholenden Talkshows.
Aktuelles Lieblingsopfer ist Talkshow-Flaggschiff Günther Jauch, der sonntags zur besten Sendezeit nach dem „Tatort“ Volkes Liebling sein darf. So lassen die Internetauftritte jeder großen Zeitung, die etwas auf sich hält, am Montag Vormittag die Sendung des Vorabends Revue passieren. Die Artikel enden meist mit dem gleichen Fazit, so wie die sueddeutsche.de-Kritik zur Betreuungsgeld-Sendung vom vergangenen Sonntag: „Und die Talkshows begnügen sich mit dem Widerkäuen von Floskeln und Parteitagsreden. Dazu unser Vorschlag: Wenn es schon keinen Rechtsanspruch auf gutes Fernsehen gibt, dann vielleicht 100 Euro fürs Abschalten?“
Aber schalten sie ab? Natürlich nicht. Eine Woche später wird wieder pünktlich erst der Fernseher und dann der Laptop angeschmissen.
An Scheinheiligkeit nicht zu überbieten
Das Problem der Talkshow-Rezension ist das Format an sich. Die Rezensenten tun so, als bewerteten sie ein Theaterstück. So wie man im Theater Plot, Inszenierung und Schauspieler kritisiert, werden bei der Talkshow Thema, Struktur und Diskutanten beurteilt. Eine Theaterkritik aber hat im Idealfall das Ziel, einem potenziellen Publikum eine Empfehlung für oder gegen einen Besuch zu geben; es ist eine Serviceleistung, die gleichzeitig eine analysierende und vergnügliche Lektüre sein soll. Bei der Talkshow-Kritik fällt der Serviceteil weg, es lässt sich schlecht empfehlen, was (ungeachtet der Mediatheken) gar nicht mehr läuft beziehungsweise bereits veraltet ist. Diese Artikel gibt es nur um des Artikels willen. Und hier wird es tückisch: Die fehlende Existenzgrundlage muss irgendwie wettgemacht werden.
Die plumpe Kritik am Talkshow-Format selbst hat sich längst überlebt; irgendwann hat jeder Leser eingesehen, dass Aufforderungen, wegen Sinnlosigkeit abzuschalten, an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten sind, wenn eine Woche später an gleicher Stelle die gleiche Aufforderung steht. Nicht, dass es nicht immer noch getan würde (stern.de zur gleichen Sendung wie oben: „Überhaupt war es – mal wieder – eine Sendung des Weglassens. Mit längst bekannten Argumenten drehte man sich im Kreis“). Aber immer öfter wird das hohle Fundament der Rezension inzwischen auch anderweitig aufgefüllt.
Die einfache Variante: Man beschränkt sich darauf, die Sendung einfach nachzuerzählen. Das schadet nicht, hat aber etwa so viel Mehrwert wie die regelmäßige Aufbereitung von RTL-Shows in der „Bild“. Weitaus perfider ist es, den Rahmen der Rezension als Forum für die eigene Meinung zu verwenden. So wird die Fernsehkritik rasch zum politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Kommentar. Das ist nicht schwierig, man muss letztlich nur die hervorgebrachten Argumente für seinen Bericht auswählen, denen man zustimmen möchte. In der „FAZ.net-Frühkritik“ zur genannten Jauch-Sendung beispielsweise wird die dortige Diskussion über Betreuungsgeld als Argument gegen die Sinnhaftigkeit frühkindlicher Betreuung in Kitas interpretiert. Dass der Autor einzig der SPD-Politikerin Schwesig „ideologische Suggestion“ unterstellt, der anderen Seite aber nicht, zeigt schon den familienpolitisch konservativen Unterton der sogenannten Fernsehkritik.
Die kalkulierte Sinnlosigkeit
Schwieriger ist es, mit seiner Kritik nicht in einen Kommentar abzudriften; irgendetwas muss man ja schreiben, und da es zunehmend sinnlos ist, einzig das Format zu kritisieren, reflektiert man zwangsläufig die Argumentation der Diskutanten. Schwer, da objektiv zu bleiben. Dass das im Falle Betreuungsgeld ausgerechnet Spiegel Online mit der unaufgeregten Analyse geschafft hat, die Debatte zwischen Dobrindt und Schwesig sei eine Vorschau auf den kommenden Bundestagswahlkampf, überrascht da schon etwas.
Solche Analysen sind aber genauso wenig Ziel dieser Artikel wie Polit-Talkshows ernsthaft daran interessiert sind, eine sachgerechte, relevante Debatte zu führen. Talkshows wollen kein unentschiedenes Publikum informieren, sondern schon in Lagern steckende Zuschauer mit den nach Lager sortierten Gästen mitfühlen und -zanken lassen. Und die Rezensionen machen exakt das Gleiche. Nur dass sie nicht nur die verschiedenen politischen Lager bedienen, sondern auch diejenigen, die das Parteiengeplänkel auf der Fernsehbühne abstößt.
Es ist die kalkulierte Sinnlosigkeit von allen Beteiligten.
Bild: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann, CC BY 2.0 via flickr







Samstag, 9. Juni 2012 um 9:25 Uhr
Viele Online Leser möchten in Internet Foren über TV Sendungen diskutieren. Da das bei den üblichen Zeitungen nur dann geht, wenn es einen Artikel dazu gibt, schrauben die sich eben einen auf die Schnelle zusammen.