Rückseite Magazin » Politik & Gesellschaft. Veröffentlicht am Montag, 18. Juni 2012 um 13:46 Uhr

Psychische Erkrankungen
Hilfe erst bei Zusammenbruch

Psychische Krankheiten verlieren in der Gesellschaft langsam ihr Stigma. Der Weg zur Heilung bleibt aber oft ein Kampf gegen innere und äußere Widerstände, was Mareike* schmerzlich erfahren musste.

von

Immer mehr erkranken an Depressionen.

Es ist Mareikes dritter Versuch, sich in einer Klinik behandeln zu lassen. Sie wendet sich dazu direkt an ihre Krankenkasse, ruft dort an, um sich ein Antragsformular für eine Kur zuschicken zu lassen. Die Frau an der anderen Leitung wimmelt sie aber ab: Da sie noch kein ganzes Jahr in ständiger Behandlung sei, habe ihr Antrag sowieso keine Chance. Sie weigert sich, Mareike das Formular zuzuschicken.

Mareike ist depressiv, leidet an chronischer Erschöpfung und Schlafstörungen. Mit den letzten Reserven hat sie ihren Studienabschluss geschafft, ein Wendepunkt, hatte sie gehofft. Aber das anstrengende Studium hatte sie ausgelaugt, so sehr, dass sie auch danach nicht auf die Beine kam. „Da habe ich festgestellt, dass der Körper nicht von heute auf morgen regenerieren und alles vergessen kann, was er die letzten Jahre mitgemacht hat“, erzählt sie. Darauf war sie nicht gefasst, fühlt sich seither trotz ihres guten Abschlusses wie eine Versagerin, weil sie nicht arbeiten kann.

Den ersten Schritt hat sie bereits hinter sich: Sie hat die eigene Hilflosigkeit erkannt und die Notwendigkeit von professioneller Hilfe akzeptiert. Glaubt man den vielen Geschichten aus den Medien, die sich redlich bemühen, psychischen Krankheiten das Stigma zu nehmen, hat sie damit das Schlimmste schon geschafft. Nur: Die Suche nach richtiger Hilfe kann sich so schwierig und frustrierend gestalten, dass sie einem Kranken die letzte Kraft rauben kann. Die Vorstellung, man ginge zum Arzt und im Anschluss werde sich alles schon richten, ist eine gefährliche, naive Sichtweise. Man muss für seine Heilung kämpfen, auch und gerade gegen andere.

Die Krankheit lässt Mareike nicht mehr am Leben teilhaben

Laut einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen üblichen Psychotherapieplatz sechs Monate. Drei Monate wartet man im Schnitt auf ein Erstgespräch, drei weitere Monate auf den Beginn der Therapie. Ein halbes Jahr ohne akute Hilfe.

Mareike hat eine Therapeutin gefunden, der sie vertraut. Die ist allerdings so überlastet, dass sie Mareike keine richtige Therapie bieten kann. Sie quetscht sie irgendwie dazwischen, schreibt Rezepte für Antidepressiva und bescheinigt ihr Arbeitsunfähigkeit. Sie hat ihr auch eine psychologische Psychotherapeutin empfohlen, die gerade einen freien Platz hatte. „Der tiefenpsychologische Ansatz der Behandlung half mir aber überhaupt nicht weiter, so dass ich die Treffen abbrach“, sagt Mareike. Sie sei nicht auf ihre akuten Probleme eingegangen, habe ihr nicht helfen können.

Es sind aber eben diese Probleme, die Mareike nicht mehr am Leben teilhaben lassen. Sie verlässt ihre Wohnung kaum, verbringt ganze Nachmittage nur im Bett. Sie ernährt sich zwar gesund, verzichtet auf Kaffee und Alkohol und versucht regelmäßig Sport zu machen. An einen gewissen Rhythmus oder gar ein Gefühl von Ausgeruhtheit ist aber nicht zu denken. „Mir ist es kaum möglich, Verabredungen oder Termine zu planen, da ich bereits vorher Angst habe, dass es mir am nächsten Tag schlecht geht. Falls ich mich dann doch einmal verabrede, trifft auch genau das ein, und ich liege am nächsten Tag flach.“

Man beginnt sich zu fragen, ob man nur übertreibt

Die kranke Psyche ist beliebtes Kunstmotiv, hier: “Der Nachtmahr” von Johann Heinrich Füssli.

Es ist letztlich auch kein Wunder: Hat man eine depressive Störung, bedeutet das nicht einfach, dass man traurig ist. Ein depressiver Mensch hat neben Selbstwertproblemen auch Antriebs- und Schlafstörungen, leidet oft unter Müdigkeit und Konzentrationsschwächen. Er ist krank. Und je länger die Krankheit anhält, desto größer wird das Risiko, dass sich die Symptome verstärken oder gar chronisch werden.

Wegen ihrer Schlafstörungen war Mareike bei ihrem Hausarzt, der sie und ihre Situation kannte. Sie schlafe zwar sehr viel, erzählte sie ihm, fühle sich aber trotzdem immer und ständig müde. Der Arzt sagte nur, da könne man nichts weiter machen, sie schlafe ja schließlich. Nicht viel später lag sie jede Nacht stundenlang wach, wachte frühmorgens auf, ohne wieder einzuschlafen.

Zu ihm ging Mareike auch, als sie sich zum zweiten Mal zu einem Klinikaufenthalt entschlossen hatte. Sie erzählte ihm erneut von ihrer Situation, dass sie völlig hilflos sei, nicht wisse, was sie tun soll. Einigermaßen erleichtert hat der Arzt einen Eisenmangel festgestellt, also etwas physisch Nachweisbares, woran er sich festhalten konnte. Er hat ihr Eisentabletten verschrieben. „Ich fühlte mich nicht ernst genommen und nach dem Besuch noch hilfloser als vorher. Ich war noch zweimal bei ihm, immer wieder mit der Bitte nach einem Klinikaufenthalt. Dann habe ich es aufgegeben.“ Es sind solche Situationen, die die Kranken daran zweifeln lassen, ob sie überhaupt hilfebedürftig sind. Oder ob sie selbst zu viel Wind machen. Auch Mareike dachte: Vielleicht warte ich einfach noch ein bisschen. Das wird schon wieder werden.

Der Weg zur Heilung bleibt beschwerlich

Mareikes erster Versuch, in eine Klinik zu kommen, Monate vor der Episode bei ihrem Hausarzt, hatte noch schneller und desillusionierender geendet. Sie hatte direkt bei einer Klinik, die sowohl ambulant als auch stationär behandelt, angerufen. Der Mann am Telefon sagte, sie seien auf Monate ausgebucht. Und Mareike klinge doch sowieso ganz gesund. Es scheint, als könne man Hilfe erst erwarten, wenn man zusammenbricht.

Ein Schlag ins Gesicht. Wenn man schon von dem Rezeptionisten einer Klinik abgewimmelt wird, wie soll man dann Verständnis von seinem privaten Umfeld erwarten, das die eigenen Probleme nur vom Hörensagen kennt? Mareike erzählt den Wenigsten von ihrer Krankheit. Diejenigen, die Bescheid wissen, flüchten sich meist in plattitüdenhafte Ratschläge wie „Du musst eben mal unter Leute“. So etwas sei nur „Ausdruck ihrer eigenen Hilflosigkeit“, meint Mareike. Sie weiß, wie schwierig es ist, jemandem ihre Krankheit näher zu bringen.

Der Anteil der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen steigt rasant, immer mehr Ärzte diagnostizieren psychische Störungen. Der Weg zur Heilung, zur Teilnahme am Arbeitsleben, bleibt aber beschwerlich. Nachdem Mareikes Krankenkasse sich geweigert hat, ihr ein Antragsformular für eine Kur auszuhändigen, hat sie sich an die Deutsche Rentenversicherung gewandt. Das Antragsverfahren läuft noch, falls es wieder nichts wird, hat ihr ihre Psychotherapeutin zugesichert, die letzte Möglichkeit wahrzunehmen: eine Soforteinweisung.

Bilder: Cynthia A Bartha, CC BY-NC-SA 2.0, via flickr / Public Domain, via Wikimedia Commons.

*Name geändert

Willst du was dazu sagen?